Vinyl-Industrie erneut stark gefährdet?

von Urs Mühlemann

Der weltweite Bedarf an Schallplatten wird von weniger als 100 Presswerken gedeckt, und die neuesten, vom britischen «New Statesman» erhobenen Daten zeigen, dass diese Werke nur die Hälfte der geschätzten weltweiten Nachfrage nach Vinyl decken. Die gestiegene Nachfrage und die steigenden Rohstoffpreise haben zu enormen Verzögerungen in den Presswerken geführt: vor allem wegen Preiserhöhungen bei PVC, einem wichtigen Bestandteil von Schallplatten, nachdem es aufgrund extremer Wetterbedingungen in Texas – wo ein grosser Teil des weltweit produzierten PVCs hergestellt wird – zu einer weltweiten Verknappung gekommen war. Auch der Preis für Pappe (Karton), die für Schallplattenhüllen verwendet wird, ist um 10–15 Prozent gestiegen, was angeblich auf den «Amazon-Effekt» zurückzuführen ist, d.h. wegen des massiv angestiegenen Online-Handels wird mehr Verpackungsmaterial benötigt.

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Solche Preiserhöhungen haben dramatische Auswirkungen auf die unabhängigen Labels, die bereits mit den Major-Labels um einen fairen Anteil an den Presswerkskapazitäten kämpfen. Jedes Mal, wenn eine neue Platte gepresst wird, muss eine Matrize gewechselt werden. Daher ist es für die Werke wirtschaftlich sinnvoll, Aufträgen von Grosslabels, bei denen es sich in der Regel um grosse Mengen ein und desselben Tonträgers handelt, Vorrang vor Aufträgen von Indie-Labels zu geben, bei denen unter Umständen mehrere Matrizenwechsel erforderlich sind, bevor eine Auflage fertig ist. Das Ergebnis ist eine wachsende Kluft zwischen den Vorlaufzeiten für Bestellungen von Grosslabels – einschliesslich der Record Store Day-Pressungen, die die Lieferkette seit langem unterbrechen – und denen von unabhängigen Unternehmen.

Ein Beispiel: Ein Indie-Produzent erhielt er von «einem der besten Presswerke in Deutschland» einen Kostenvoranschlag über 15 Pfund für eine Doppel-LP. Unter Berücksichtigung der Aufschläge von Distributoren und Einzelhändlern rechnet er mit einem Endverkaufspreis von £35. «Und ich mache mir wirklich Sorgen: Werden die Leute £35 für ein Debüt-Album von jemandem ausgeben, den/die sie nicht kennen?»

Die Standard-Doppel-LP-Ausgabe von Billie Eilishs aktuellem Nummer-eins-Album, das beim Label Polydor erschienen ist, kostet 36,99 Pfund. Die grossen Labels haben die Marktmacht, die Preise für Platten zu erhöhen, von denen sie wissen, dass sie sich verkaufen werden – gross vermarktete Pop-Veröffentlichungen wie die von Eilish oder klassische Neuauflagen von Acts wie Fleetwood Mac oder Madonna. «Wenn die Preise steigen, werden die Leute weniger bereit sein, für Indie-Musik, für riskante Musik, für unbekanntere Sachen zu zahlen – und das ist der Bereich, in dem ich arbeite», sagt der Indie-Produzent.

Die Leidtragenden sind indessen nicht bloss wir Konsumenten, sondern die Künstler, die ihr (Debüt-) Werk eben für ihr spezielles Publikum in der Vinyl-Version veröffentlichen möchten. Eine entsprechende Planung (Aufnahme, Live-Gig, LP-Verkauf usw.), erst noch nach bzw. mitten in der Corona-Pandemie, ist kaum noch möglich. Die unahängigen und/oder noch nicht bekannten Künstler*innen sind gefährdet. Mit Streaming lässt sich nicht leben. Bleibt als Alternative also die CD? Die wirft andere Probleme auf.

Weitere Details und zusätzliche Infos über diesen Link:

https://www.newstatesman.com/culture/music/2021/09/its-unmanageable-how-the-vinyl-industry-reached-breaking-point