Manu Katché – Neighbourhood

ECM 1896 2005/2019

von Hans Frei

Für mich eine Premiere. Ich kaufe diese 2005 erschienene CD auf dem Flohmarkt und bin davon so begeistert, dass ich die 2019er Vinylausgabe bestelle.

Manu Katché, ursprünglich ein Top-Class Pop-Drummer (Peter Gabriel, Sting) traf 1989 erstmals auf Jan Garbarek (Tenorsaxofon) und spielte 2004 zusammen mit Tomasz Stanko(Trompete), Marcin Wasilewski (Piano) und Slawomir Kurkiewicz (Bass) diese wunderbare Aufnahme ein, die dem 1999 verstorbenen Pianisten Michel Petrucciani gewidmet ist.

Jedes Stück ist unglaublich poetisch, kraftvoll, ohne ins Kitschige abzugleiten. Die grandiose Aufnahmequalität aus Jan Erik Kongshaug’s Hand vollendet den absoluten Hörgenuss.

Nicht umsonst hat ECM dieses Album 14 Jahre nach der Erstveröffentlichung als CD als LP herausgegeben. Beide Versionen bieten Hörgenuss vom Feinsten. Glücklich ist, wer Beides hören darf!

Shake Stew: Austro-amerikanischer Jazz-Eintopf mit afrikanischer Würze

von Urs Mühlemann

Im Rampenlicht steht hier eine Formation, die ich seit vier Jahren kenne und deren Platten ich immer wieder mit gespannter Erwartung kaufe, die nicht enttäuscht wird. Die Rede ist von Shake Stew, einer Jazzformation rund um Bandleader Lukas Kranzelbinder aus Wien, die derzeit die internationale Jazz-Szene aufmischt. Lebendige positive Musik, die einfach Spass macht.

HEAT (2022)

Klanggewaltig und hypnotisch zugleich, sprühen die Musiker nur so vor Energie. Der geschüttelte Eintopf mit Zutaten aus Europa, USA, Afrika, kräftig gewürzt mit Einschüben aus verschiedenen Jazz-Subgenres, wird von der 2016 gegründete Band gekonnt rasant serviert. Treibende Rhythmen, Bläser mal schmetternd, mal virtuos, mal melodiös, Anleihen aus Afrobeats, Funk und Swing. Musik, die einen hypnotischen Bann entfaltet. Die entfesselte Dynamik und der rhythmische Sog ihrer Musik hat der Band einen Kult-Status eingebracht. Live kommen ihre Stärken besonders zum Tragen: Shake Stew kreieren kraftvolle, tanzbare, geerdete Musik, die aber auch zum Abheben einlädt und sich in trance-ähnliche Höhenflüge steigern kann und durchaus auch mal kurz in freejazzige Sphären abschweift. Am 16. Januar 2023 spielen sie im Zürcher Moods auf.

Allein schon die Instrumentierung ist bemerkenswert: ein Septett mit zwei Saxofonisten, zwei Bassisten, zwei Schlagzeugern und einem Trompeter. Quasi zwei Trios, die voneinander unabhängig agieren können oder sich umformieren zu einer kraftvollen Rhythmusgruppe hier und einem saftig-hymnischen Bläsersatz da. Dies ist auch ein Resultat von Kranzelbinders intensiver Beschäftigung mit diversen Ausdrucksformen afrikanischer Musik und dem ergänzenden Einsatz entsprechender Instrumente. Auch der kometenhafte Aufstieg sucht seinesgleichen: Ein ausverkauftes Debütalbum, eine viel beachtete Zusammenarbeit mit Shabaka Hutchings (RISE …) und Auftritte an sämtlichen renommierten Jazzfestivals von Frankfurt bis Montreal, von Istanbul bis Mexiko, sprechen für sich: Preis der deutschen Schallplattenkritik 2020, Gewinn des Deutschen Jazzpreises 2021 in der Kategorie «Band des Jahres International». In der Begründung war zu lesen: «Brillante Bläser bahnen sich den Weg durch brodelnde Rhythmen … Die Geschichte des Jazz klingt an, Afrikanisches, Futuristisches. Verortet ist das rasante Spiel … unüberhörbar im Hier und Jetzt. Die Musik schreit heraus und sie reflektiert zugleich, auch ohne verbale Verlautbarung spürt man die Dringlichkeit der Mitteilung. Die unausgesprochenen Zauberworte heissen Magie und Energie. … Shake Stew bringt etwas Kultisches in den aktuellen Jazz, eine Bereicherung.»

Shake Stew verstehen es durchaus, sich bewusst in Szene zu setzen, und ihre Musik glitzert und glänzt und reisst mit, dass es eine Freude ist. Die Alben haben wohl denselben Unterbau, aber unterschiedliche Ausrichtungen und je nach Gusto wird einem diese oder die andere Entwicklung besser zusagen. Ich mag GRIS GRIS ganz besonders.

Die Alben HEAT (2022), (A)LIVE (2020), GRIS GRIS (2019, Doppelalbum), RISE AND RISE AGAIN (2018), THE GOLDEN FANG (2017) können als LP, CD sowie Digital Download u.a. bei Bandcamp geordert werden. Auf shakestew.com/music finden sich viele hörenswerte Musikbeispiele.

Das Sommerheft 2022

Unser nächstes Heft ist auf gutem Weg. Die meisten Texte sind schon im Reinen und werden bald von Theres Windmüller in die definitive Form gegossen. In der letzten Augustwoche geht dann das Heft in Druck.

Um das Warten etwas zu verkürzen und die Vorfreude zu steigern, hier eine kleine, noch unvollständige Vorschau.

Im Technikteil erzählt uns Urs Mühlemann über seine Erfahrung mit Schungite und dem Schumann-Resonator. Wem das schon zu esoterisch ist, der wird sich am Artikel von Markus Thomas «Wir hören, was wir hören wollen» erfreuen. Vielleicht fährt ihm oder ihr das aber allzu fest an den analogen oder highendigen Karren. Wir sind gespannt auf eure Reaktionen.

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist dem Jazz gewidmet. Lothar Brandt stellt uns eine Reihe von Neuerscheinungen vor. Peter Trübner widmet sich dem neuen Album MUSE von Nils Wogram und Urs Witschi dem Werk des amerikanischen Saxofonisten Chris Potter. Weitere Themen sind die Afro Cuban All Stars, Jazz-Compilations, Brian Auger und Schweizer Jazz.

Aber Rock und Blues sind ebenfalls im neuen Heft zu finden. Auch hier stellt uns Lothar neues Vinyl vor und Bruno Muti neue Scheiben von Schweizer Rockbands. Nick Joyce widmet sich dem epochalen Smoke on the Water, welches Jubiläum feiert.

Wer schon immer wissen wollte, wie Gisela Meinicke und Thomas Breitinger Musik hören und was sie auf den Plattenteller legen, der darf auch den Bericht vom Besuch von Enzo Schricker bei den beiden Vorstandsmitgliedern gespannt sein.

Charles Bradley – Black Velvet

Dunham Records (Daptone) 2018

von Peter Trübner

Wer auf der B-Seite von BLACK VELVET das erste Stück Stay Away auflegt, weiss sofort, mit welcher Power dieser Charles Bradley gesungen hat. Vergleiche mit James Brown werden immer wieder angestellt. Das ist die Assoziation beim ersten Anhören seiner Musik wegen der Intensität in seiner Stimme. 

Dies führte dazu, dass er im 2011 mit 63 Jahren seine erste LP NO TIME FOR DREAMING bei dem New Yorker Funk und Soul Label Daptone veröffentlichen konnte. Gabe Roth, der Chef des Daptone Labels hörte sein Potential bei einem Auftritt und verpflichtete Charles Bradley sofort neben Sharon Jones, Lee Fields und den Dap Kings für sein Label. Vier LPs in guter Pressqualität sind dort von ihm erschienen. Daptone stellte Charles Bradley sogar seine grossartige Hausband zur Begleitung zur Verfügung, die Menahan Street Band. Diese zeigen ihre Qualitäten im instrumentalen Titel Black Velvet.

Wer die «electric version» von Victim Of Love gehört hat – oder auf der A-Seite I Feel A Change – erkennt das grosse Potential dieser Stimme und der Begleitband. Charles Bradley singt über die Erfahrungen in seinem Leben. Er kennt Rassismus und das Leiden, aber er singt für ein Weitermachen mit Hilfe der Liebe.

Mit BLACK VELVET liegt ein nach seinem Tod veröffentlichtes Album vor, das in jede anständige Soul Sammlung hineingehört.

RÜCKBLICK: KLANGSCHLOSS 2022

von Peter Trübner 

Zwei Jahre lang mussten wir warten. Nach dem Aufheben der Corona-Massnahmen konnte in diesem Jahr das Klangschloss mit dem für 2020 vorgesehenen Programm sowohl im Schloss Greifensee wie auch in dem im Jahr 2019 frisch renovierten Landenberghaus stattfinden.

Trotz – oder wegen – der langen Pause war die diesjährige Ausgabe des Klangschlosses ein voller Erfolg, wurde doch der Besucherrekord vom Jahre 2019 übertroffen. Neu war die Dauer des Anlasses von zwei auf drei Tage erhöht worden.

Die AAA-Switzerland war dieses Jahr zum ersten Mal im grösseren Rahmen vertreten, da ihre nun jährliche Präsenz im Klangschloss das traditionelle «Anaglogforum» ersetzt.

Im Landenberghaus erhielt die AAA Switzerland Raum zur Präsentation ihrer Aktivitäten und von Anlagen aus den 1970er Jahren, die Vereinsmitglieder dafür zur Verfügung stellten. Die Plattenbörse war an allen drei Tagen gut besucht mit ihrem breiten Schallplattenangebot an zum Teil rarer und schwer zu findender Neuware, wie einer guten Mischung aus Second Hand Platten und Neuveröffentlichungen. Der Keller mit der Musik und den Anlagen aus den 70er Jahren lud zum Verweilen ein und zum Gespräch unter Kollegen und Kolleginnen.

Oben im Konzertraum des Landenberghauses fanden die Konzerte statt. Im Turnus waren sie jeweils an einer Stunde fürs Publikum geöffnet, das von diesem Angebot im vollen Saal im ersten Stock Gebrauch machte. In der nächsten Stunde wurde die von Ralph Zünd mit seinem mobilen «straigh2tape» Studio aufgenommene Musik live via Glasfaserkabel in alle Präsentationsräume übertragen. Zu guter Letzt werden die Aufnahmen noch auf eine Doppel-LP gepresst, damit die Besucher:innen oder diejenigen, welche dieses Highlight verpasst haben, die Möglichkeit haben das Konzert auch zu Hause auf der eigenen Anlage zu hören. Die Schallplatten können hier bestellt werden: https://www.klangschloss.ch/product-page/klangschloss-landenberg-sessions

Diese Möglichkeit ist absolut einmalig: Live Musik war alle zwei Stunden während den Aufnahmen jeweils über die verschiedenen ausgestellten Anlagen im Vergleich zu hören. Und das am Freitag, Samstag und Sonntag mit folgenden Formationen: Ensemble Fratres mit Hanspeter Oggier, Trio Anderscht mit Bettina Boller und Nicole Johänntgen mit Henry. Erwähnenswert ist die gemeinsame Mozart Darbietung von Hanspeter Oggier mit seiner Panflöte und Nicole Johänntgen mit dem Alt-Saxofon am Sonntag nach dem Konzert von Henry.

Gut besucht waren die Vorträge im Gemeindehaus. Sie fanden wie jedes Jahr viel Anklang und positives Echo.

Eine weitere Spezialität des Klangschlosses ist die Kopfhörerküche im Schloss, bei der mit identischer Musik eine Vielzahl absoluter Spitzen-Kopfhörer im Klang verglichen werden können. Und natürlich die Klangschloss Tradition, bei der in unterschiedlich grossen Räumen im Schloss, wie jetzt zusätzlich im Landenberghaus, ein ausgesuchter Querschnitt an ausgezeichneten Anlagen aus der Schweiz zu hören waren. NAGRA, PSI Audio, Thales, Weiss Engineering, JB Swiss, De Haller Audio und Airplain Acoustics stellten sich dem Hörvergleich mit bedeutenden europäischen Produzenten wie Bowers und Wilkins, Manger oder DartZeel, um nur einige der Firmen zu nennen, die ihre Produkte ausstellten. In jedem Hörraum wurden Fragen des Publikums freundlich beantwortet.

Die Kopfhörerküche wie die Hörräume machten richtig deutlich, wie transparent, räumlich und dynamisch Top-Geräte im High End Bereich klingen. Denn sie wollen Besucher ansprechen, die gehobene Hörerwartungen mitbringen.

Es bleibt nur noch der Hinweis auf die Beiz im Landenberghaus mit dem Garten und Seeblick, die ein kulinarisches Angebot für die Besucher bereithält.

The War and Treaty: Healing Tide

Thirty Tigers 2018

von Peter Trübner

Manche Schallplatten entdeckte ich erst mit viel Verzögerung. Bereits 2018 erschien diese LP. Auf HEALING TIDE bewegt sich das Ehepaar Michael Trotter Jr. und Tanya Trotter zwischen Gospelmusik in ihrem enorm starken Gesang und einer souligen Begleitung durch Schlagzeug, Bass, Gitarre, Piano/Orgel und Bariton-Saxofon. Ihr Soul enthält Elemente des frühen Rhythm & Blues.

Love Like There´s No Tomorrow, das erste Stück auf Seite A fängt mit einem wunderbaren Gesang an, der nur vom Tambourin begleitet ist. Stimmgewaltig wird damit eingestimmt. Es ist unglaublich, welchen Klangzauber die beiden auch körperlich gewaltigen Michael und Tany Trotter nur mit ihren Stimmen hinzaubern können.

Healing Tide direkt danach jagt krachend und donnernd los. Die Stimmen treiben so, wie ich es mir manchmal bei Ike & Tina Turner gewünscht hätte. Das ist Soul Power pur. Man kann staunen, wie The War and Treaty ihren Gesang einsetzen.

Wer in Hearts hinein hört, ist am Anfang mit Pianobegleitung an Joe Cocker erinnert, wenn auch mit deutlich mehr Volumen. «We find each others hearts» ist schon am Rand zur Schnulze vorgetragen, aber im Gesamtsound stimmig, wenn auch mit einzelnen Countryanklängen. Dieses Feeling trug sicher dazu bei, dass Emmylou Harris sich auf der B Seite auf einem Stück in den Chor mit den beiden Trotters einstimmt. 

Es lohnt sich auf jeden Fall, in HEALING TIDE hineinzuhören. Der Klang der LP ist ein Ergebnis des hervorragenden Masterings durch den legendären Bob Ludwig – traumhaft für Freunde der guten alten Soul Musik.